Es scheint, als ob Deutschlands Jugendschützer dabei sind, ihre Giftschränke aufzuräumen. Immer mehr Filme, die teils seit Dekaden verboten sind, finden wieder den Weg zurück in die Öffentlichkeit. Ein Kandidat, der einem solchen Großputz anheimgefallen und damit auch wieder ungekürzt verfügbar ist, stellt auch für uns eine Überraschung dar: „Caligula“.

(Un-)Sittengemälde aus dem alten Rom

Als im Jahre 37 n. Chr. der von Krankheit gezeichnete Kaiser Tiberius einen Nachfolger sucht, hat er keine besonders große Auswahl. Sein Neffe Claudius ist reichlich debil und kommt für ihn für ein solches Amt erst gar nicht in Frage, sein Enkel Gemellus ist zu jung und zu schwächlich. Also bleibt nur noch sein Adoptivenkel Caligula übrig, der schon sehr bald den Thron übernimmt – nachdem Tiberius‘ Leibwächter höchstpersönlich die Sache beschleunigt hat, indem er beim Ableben des Imperators ein wenig nachgeholfen hat.
Auf dem Thron ist Caligula zunächst bemüht, Wohltaten unter das Volk zu bringen, doch schon bald macht sich bei ihm immenser Wahnsinn breit. Er entwickelt sich zu einem völlig irren Despoten, lässt Senatoren und Wegbegleiter reihenweise abschlachten und demütigt deren Frauen, indem er sie als Huren Roms tätig werden lässt. Natürlich schaut seine Entourage nur sehr begrenzte Zeit zu und verschwört sich gegen diesen Kaiser (und inzwischen selbsternannten Gott), um der Sache ein baldiges Ende zu bereiten.

Caligula: Hintergründe kurz erläutert

Ein Film wie dieser lässt sich nicht seriös bewerten, wenn nicht einige Hintergrundinformationen mitgeliefert werden. Nur so können wir diesen Streifen halbwegs nachvollziehbar einordnen.

Bis jetzt liest sich nämlich die Inhaltsangabe oben wie die eines Historienfilms. Das ist per se auch nicht falsch, wenngleich nur ein Teil des Ganzen. Der Film, der nach vielen Querelen und Rechtsstreitigkeiten 1979 endlich in die Kinos kam, wurde von keinem Geringeren als Bob Guccione, seines Zeichens Chef des Herrenmagazins Penthouse maßgeblich produziert. Regie führte Tinto Brass, dessen Streifen „Salon Kitty“ immer noch die oben genannten Giftschränke ziert.

Brass, der in Sachen Sexszenen noch nie besonders zimperlich war, weigerte sich sofort, Hardcore-Szenen zu inszenieren, verstand die von Gore Vidal („Ben Hur“) geschriebene Drehbuchvorlage als satirische Politparabel, die zeigen soll, wie dicht Macht und Wahnsinn beieinander liegen. Guccione hingegen richtet sein Augenmerk auf den moralischen Verfall des alten Roms, gibt zu Protokoll, dass er das Leben in dieser Stadt zu dieser Zeit authentisch dargestellt haben möchte.

Wir bleiben auf dem Teppich, stellen fest, dass der gute Mann in erster Linie Pornoproduzent war und dass seine Hauptintention wohl darin lag, Pornographisches für das normale Kino salonfähig zu machen.

Das war 1976 (also zum Drehbeginn) ein ziemlich hehres Ziel. Gerade in diesem Jahr hatte der japanische Regisseur Nagisa Oshima mit seinem Werk „Im Reich der Sinne“ dank einer Reihe sehr expliziter Szenen für einen handfesten Skandal gesorgt. Als Fußnote sei an dieser Stelle übrigens angemerkt, dass seinerzeit die meisten Verbotsbemühungen gescheitert waren und dieser japanische Klassiker heute als Filmkunstwerk unbestritten ist.

Was ist bei Caligula anders? Wir bescheinigen diesem Film zunächst, dass vieles davon mit Sicherheit hochspekulativ ist und hauptsächlich dazu dient, ein Maximum an Genitalien in 156 Minuten Film auf die Leinwand zu bringen. Das ist ganz offenkundig geglückt, die Kostümbildner hatten bei der Statisterie in der Regel rein gar nichts zu tun.

Werfen wir hingegen mal einen Blick auf die Besetzungsliste: Peter O’Toole als Tiberius, Malcolm McDowell als Caligula, Sir John Gielgud, Helen Mirren, John Steiner – nur um einmal die illustresten Namen zu nennen. Sie alle waren dabei und haben zweifelsohne diesen Film künstlerisch erheblich aufgewertet. O’Toole und McDowell haben sich allerdings nach der Uraufführung vehement von diesem Film distanziert.

Darüber hinaus stellen wir fest, dass die Regiearbeit von Tinto Brass exzellent ist – ebenso wie die Kameraarbeit von Silvano Ippoliti. Die Ausstattung und die Kostüme sind vom Feinsten, die Musik von Bruno Nicolai, aufgewertet mit Werken der russischen Meister Sergej Prokofjew und Aram Khatschaturjan wird der Dramatik des ganzen Films mehr als gerecht.

Wäre es bei der reinen Tinto-Brass-Version geblieben, wären vermutlich auch die Kritiker sehr viel versöhnlicher geblieben. Guccione wollte allerdings sein Konzept vollumfänglich durchsetzen und beraumte nach offiziellem Drehschluss noch einige Nachdrehtage an, während derer er heimlich noch einige Hardcore-Szenen produzierte und diese in den Film, den er dazu nochmals komplett umschneiden ließ, einfügte. Das Ergebnis sorgte weltweit für harsche Kritik – sowohl bei Kritikern, als auch bei Zuschauern – und damit ist Caligula bis heute einer der kontroverstesten Filme aller Zeiten.

Bob Guccione ist im Jahr 2010 verstorben. Die jetzige Penthouse-Inhaberin Kelly Holland ist indessen bereit, zusammen mit dem Stuttgarter Filmstudenten Alexander Tuschinsky die ursprüngliche Schnittfassung von Tinto Brass zu rekonstruieren.

Bis es damit soweit ist, nehmen wir den Film so, wie er 1979 in die Kinos gekommen war und damals eine Welle der Empörung hervorgerufen hatte. Inzwischen sind fast 40 Jahre ins Land gezogen und die Sehgewohnheiten haben sich drastisch verändert. Also werfen wir mal wieder einen Blick auf das Werk.

Filmkritik zu „Caligula“

Die Überraschung ist geglückt: „Caligula“ wäre der letzte Film gewesen, den wir ungeschnitten zurückerwartet hätten. Nicht zuletzt die sehr spezielle Mischung aus Pornographie und expliziter Gewalt mit einer ordentlichen Portion Sadismus ist auch noch für moderne Sehgewohnheiten eine ziemliche Herausforderung. Dies alles ist jedoch in einem Drama eingebettet, das (Brass sei Dank) künstlerisch hochklassig und schauspielerisch exzellent umgesetzt wurde. Die opulenten Bilder, obgleich mit relativ veralteter Filmtechnik entstanden, ziehen uns in ihren Bann, fasziniert verfolgen wir das Geschehen von Anfang bis Ende.

Voraussetzung hierfür ist eben, dass der geneigte Zuschauer beim Anblick unverhüllter Fortpflanzungsorgane nicht unverzüglich in Ohnmacht fällt und auch bei den bisweilen sehr krassen Gewaltszenen, die auch heute noch ziemlich heftig wirken, ein hinreichend ausgeglichenes Gemüt bewahrt. Über die nachträglich eingefügten Pornoszenen kann jeder seine eigene Meinung bilden. Da sie aber nur einen verschwindend geringen Teil der gesamten Laufzeit ausmachen, können wir als moderne Menschen des Jahres 2018 hinwegsehen.

Der Film überschreitet unbestritten jede Grenze des guten Geschmacks, provoziert auf der ganzen Linie und dürfte auch heute noch so manches Gemüt erhitzen. Entsprechend gewagt ist es, hier und jetzt gegen den Strom zu schwimmen und sich den unzähligen Verrissen der letzten vierzig Jahre entgegen zu stellen: Der Film ist sadistisch, teilweise pornographisch, bisweilen krank und pervers, aber dank der grandiosen Umsetzung und der kongenialen schauspielerischen Leistungen absolut sehenswert. Hierbei bewerten wir dieses Werk keineswegs nach ethischen und moralischen Gesichtspunkten. Diese Einordnung obliegt dem Zuschauer.

Fazit zum Film

Eine häufig verschmähte Perle: Kontrovers diskutiert, lange verboten, jetzt wieder verfügbar. Ein Klassiker im besten Sinne, gleichzeitig eine Herausforderung für den Zuschauer. Na, wer traut sich?

Foto/Cover: Tiberius Film