Dr. Hannibal Lecter unterhält uns köstlich und lässt uns dabei vor Angst und Schrecken erstarren. Zum Home-Entertainment Release der 1. Staffel der Serie HANNIBAL am 20.12.2013 haben wir das Gespräch mit jemandem gesucht, der ihn sicherlich hätte stellen können: Dr. Mark Benecke, Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie, Ausbilder an deutschen und internationalen Polizeischulen und internationaler Gastdozent. Seine Ansichten zu Serientätern, Kannibalismus und HANNIBAL gibt es hier zum Nachlesen. Wohl bekomm’s!

Herr Dr. Benecke, im Buch „Aus der Dunkelkammer des Bösen“ behandeln Sie selbst spektakuläre Mordfälle. Auch von Kannibalismus ist die Rede. Dabei stellen Sie die Frage: Wie entstehen „Monster“? Können Sie die Gründe kurz umreißen?

Erstens dadurch, dass wir überhaupt eine Grenzlinie zwischen „uns“ und „denen“ ziehen. Aber Gutes und Böses steckt in jedem, das weiß jedes Kind. Die Frage ist nur, wie viel Kraft und Liebe ein Mensch darauf verwendet, sich sozial zu verhalten. Monster sind Menschen, die letzteres einfach nicht hinkriegen – egal, ob gewollt oder ungewollt.

Im Fall Hannibal Lecters liegt seiner psychischen Störung offensichtlich ein schweres Kindheitstrauma zu Grunde. Finden sich bei echten Serientätern tatsächlich so „naheliegende“ Ursachen bzw. Traumata?

Absolut. Ich kenne keinen Einzigen, der – abgesehen von genetischen Einflüssen – nicht obendrauf noch eine schwere Kindheit gehabt hat. Der Stress, der für die Kinder entsteht, in einem solchen Umfeld aufzuwachsen, verstärkt die bestehende genetische Störung noch weiter. Ein echter Teufelskreis.

Hannibal Lecters Trauma äußert sich im Kannibalismus – einem der größten gesellschaftlichen Tabus überhaupt. Ist das Selbsterhaltungstrieb oder welche Ursachen sehen Sie hierfür?

Geht es um den Selbsterhaltungstrieb, sind das die harmlosen Fälle, die von der Gesellschaft eher mit gruseliger Milde betrachtet werden. Etwa Alferd Packer, der seine Kumpels aufaß, als sie eingeschneit waren. Schlimmer wird es, wenn einer den anderen aus Liebe einverleiben möchte. Das ist offenbar so schwer nachvollziehbar, dass sich da fast alle mit Grauen abwenden, ohne die Gründe dafür zu hinterfragen.

Ist Kannibalismus aus gesundheitlicher Sicht bedenklich?

Nein, eigentlich nicht. Viele Menschen essen ja auch Tiere. Das finde ich in seinem weltweiten Ausmaß mit schrecklichen Tierschlachthäusern und der engen Käfighaltung wesentlich kranker als einvernehmlichen Kannibalismus bei Menschen.

Sie haben selbst, als einziger Kriminalist, persönlich am Fall des hundertfachen Serien- und Kindermörders Luis Alfredo Garavito Cubillos gearbeitet und ihn auch mehrmals getroffen. Sehen Sie Parallelen mit Hannibal Lecter?

Ein paar sehe ich: erstens die Listigkeit oder Bauernschläue. Zweitens die Geltungssucht. Drittens das im Kern vollkommen unsoziale Verhalten. Wenn das alles zusammenkommt, hat man einen Serientäter, der aus seiner Sicht „erfolgreich“ ist.

Der ermittelnde FBI-Agent Will Graham kann Mordfälle in der Serie außerordentlich gut rekonstruieren, weil er sich gut in die Täter hineinversetzen kann – nachts wird er dann von Alpträumen gejagt. Wie schaffen Sie es abzuschalten?

Indem ich akzeptiere, dass die Welt ist, wie sie ist. Mal wunderschön, mal total bescheuert. Das Geheimnis ist hinzugucken, zu verstehen zu versuchen und zu akzeptieren. Nur so kann man was ändern und Prävention betreiben. Das ist mein Ziel.

In der Serie „Hannibal“ taucht auch ein „Copycat“-Killer auf. Also jemand, der tötet, weil er von prominenten Mordfällen dazu inspiriert wurde. Ist Ihnen ein ähnlicher Fall schon einmal begegnet?

Ja, hautnah: der zweite Zodiac Killer. Ich kenne die Ermittler in New York, die an dem Fall gearbeitet haben. Das ist wie bei Suiziden: Leider gibt es einen Nachahmungseffekt. Bei Mördern ist dieser zum Glück aber unbedeutend schwach.

Dr. Hannibal Lecter ist aus der Popkultur gar nicht mehr wegzudenken. Wie erklären Sie sich die gesellschaftliche Faszination für einen fiktiven Kannibalen?

Viele Menschen haben etwas erlebt, das in ihnen Rache und Hass hervorruft. Das verarbeiten sie dann gemütlich auf Couch und Kinosessel. Sie spalten es ab und können danach wieder mit ihren Kindern spazieren gehen und Quatsch machen. So gesehen bin ich froh, dass es diese Faszination gibt. Ich wüsste nicht, wie viele Morde es sonst geben würde.

(Quelle: Pure Online)

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